"PRIVATRAUM"

Von öffentlichen und privaten Räumen

 

Privatraum” ist ein dreiteiliges Kunstprojekt in Raabs an der Thaya/Waldviertel, das im Rahmen des Niederösterreichischen Viertelfestivals 2010 statt findet. Das Projekt umfasst eine Ausstellung im Lindenhof Raabs, eine Installation im Öffentlichen Raum am Hauptplatz Raabs (Glasraum) sowie eine sozialkritische Aktion mit einem Schauspieler.

"Privatraum" thematisiert den Umgang mit Privatsphäre im öffenlttichen und zwischenmenschlichen Bereich sowie Fragen zur Grenzziehung zwischen “öffentlich” und “privat”: Was möchten wir über andere wissen? Wie viel will ich der Öffentlichkeit preisgeben? Wie weit darf ich in das Privatleben eines Anderen eindringen?

Der Begriff “Privatraum” beinhaltet die Imagination von Privatsphäre – den unsichtbaren Bereich, der in der Vorstellung existiert, jedoch nicht allgemein definierbar ist. Der Terminus bezieht sich auch auf den physischen Raum – eine Stätte der Intimität, die von Menschen bewohnt oder besetzt wird. Das kann bei sozialen Randgruppen auch öffentliche Räume mit einschließen.

 
 
 
Die Glasrauminstallation am Hauptplatz Raabs/Thaya im Waldviertel
Eröffnung: Sa, 29. Mai 2010  10.30 h, täglich geöffnet bis 26. Juni 2010

 

In einem Glasraum wird ein Privatraum - ein Wohnzimmer - inszeniert, sodass der Eindruck eines bewohnten Raumes ensteht.

 

„Live Privatraum!“ – unter diesem Motto ist die Öffentlichkeit eingeladen, sich die Glasinstallation „Privatraum“ nutzbar zu machen:

Die Gegenstände, die im Glasraum enthalten sind (Gebrauchs-, Dekorations- und Einrichtungsgegenstände), dürfen und sollen benutzt bzw. gegen andere gleichwertige Gegenstände getauscht werden.

 

Die Besucher und Benutzer sind eingeladen neben ihren Erinnerungsstücken, Einrichtungs- und Gebrauchsgegenständen auch ihre Gedanken und Mitteilungen zu hinterlassen bzw. auszutauschen – Statements,  oder auch Informationen bezüglich getauschter Objekte. Dazu stehen ein Buch, ein Fotoalbum und weitere Materialien zur Verfügung.

 

Grundsäulen der Glasrauminstallation sind die Interaktion und der Zufall. Durch die Tauschaktionen und die Möglichkeit selbst am Kunstwerk und gleichzeitig an seinem Prozess mitzuwirken, Einfluss zu nehmen – das Erscheinungsbild des Raums zu verändern – entsteht Eigendynamik. Der Glasraum ist vollständig der Willkür der Öffentlichkeit überlassen. Die Transformation ist Teil des Konzepts und wird fotographisch dokumentiert, dabei weder in die Abläufe oder in die jeweilige Konstellation eingegriffen. Die Fotodokumentation wird im Rahmen der Finissage am 26. Juni präsentiert und Bewegung durch Veränderung visuell veranschaulicht.

Durch den interaktiven Aspekt (Benutzen und Tauschen) wird das Bewußtsein für den Wert und den Umgang mit Dingen illustriert – ob Fremdbesitz, Allgemeingut oder nicht klar definierbares Eigentum.

 

 

An der Schnittstelle zwischen Öffentlich und Privat

 

Aufgrund der öffentlichen Zugänglichkeit und der Einsehbarkeit des Raums hat die dargestellte Privatraumsituation als solche keine Gültigkeit. Das Glas lässt die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum verschwimmen, die Privatsphäre wird transparent, der „gläserne Mensch” anschaulich gemacht. Nur die Einrichtungsgegenstände vermitteln das Gefühl von Heim und Häuslichkeit. Durch die Tauschaktionen bekommt die öffentliche Wohnraumsituation eine weitere persönliche Note. Die Menschen bringen etwas aus ihrem privaten Eigenheim hierher und nehmen einen Gegenstand aus dem öffentlichen Raum wieder mit nach Hause. Das im Glasraum befindliche Allgemeingut geht in Eigentum über. Es findet nicht nur eine örtliche und optische Veränderung statt, sondern auch eine begriffliche – Eigentum wird öffentliches Gut und umgekehrt. Mit den Gegenständen kommen und gehen auch die mit ihnen verknüpften persönlichen „Geschichten“. Dadurch wird die Installation lebendig.

Die Dimension des Übergangs von Privat zu Öffentlich, die Transformation räumlicher Positionen und Situationen unter Beachtung der optischen Veränderungen, werden erweitert durch einen weiteren interaktiven Aspekt: Verbaler Austausch soll erfolgen. Schriftlich können Mitteilungen und Statements verfasst, hinterlassen und ausgetauscht werden. Kommunizieren, posten, philosophieren – so, wie Millionen Menschen (User)  täglich online über Twitter oder Facebook Gedanken und banale Tagesabläufe teilen – im virtuellen Raum – werden nun im realen Raum schwarz auf weiß Gedanken und Meinungen zu Papier gebracht. Durch die so entstehenden Gedankenwelten bekommt der Glasraum zwar einerseits eine intimere Dimension, persönliche Geschichten und Gedanken werden aber gleichzeitig der Öffentlichkeit preis gegeben. Der Besucher/die Besucherin wird mit Dingen konfrontiert, die er/sie eigentlich nicht lesen oder wissen will oder vielleicht doch oder sogar mehr davon. Wieviel Privates verträgt die Öffentlichkeit eigentlich?

Die Glasinstallation wird zu einem Ort regen Austausches. Dabei steht immer die Frage nach der Grenzziehung zwischen öffentlich und privat im „Raum“.

 

 

Durch den interaktiven Aspekt der Installation (Benutzen und Tauschen) wird das Bewußtsein für den Wert und den Umgang mit Dingen illustriert – ob Fremdbesitz, Allgemeingut oder nicht klar definierbares Eigentum. Das Glas lässt die Grenzen zwischen Innenraum und Außenraum verschwimmen. Die Privatsphäre wird transparent und bleibt zugleich auf persönliche Gegenstände beschränkt.

Durch den zunehmenden Verlust von Privatsphäre in der heutigen Zeit gwinnt eine respektvolle Haltung gegenüber Privatem immer mehr an Bedeutung.

 

 

https://privatraum.wordpress.com/2010/05/31/glasraum-eroffnung/

© 2016 Isabell Kneidinger

Der ORF zu Gast